Kritischer Konsum in der Praxis
Der letzte Newsletter zum Kritischen Konsum stellt viele praktische Möglichkeiten vor, den Kritischen Konsum umzusetzen. Kritischer Konsum ist vielen ein Begriff, aber wie lässt sich dieser Begriff und seine Definition streuen und verbreiten? Wie lässt sich der Kritische Konsum im täglichen Leben, in der Gruppenstunde oder in der Ferienfreizeit realisieren? Wie können Kinder und Jugendliche in die Thematik eingeführt und sensibel gemacht werden? Eine gute Möglichkeit, um Jugendliche und Kinder zu faszinieren ist, aktiv etwas mit ihnen zu machen.
A K T I O N S V O R S C H L A GStadtralley
Erst sollte man erklären, worum es sich bei fair gehandelten Produkten handelt, wie man diese erkennen kann und worauf man achten sollte (ein kleiner Katalog für die Jugendlichen für ihren späteren Streifzug wäre sinnvoll)
Dann könnte man über ein saisonal regionales Gericht abstimmen oder eines vorgeben, damit kein Unmut aufkommt
Die Teilnehmer sollten nun herausfinden, wo es diese Produkte zu kaufen gibt und in jedem Laden eine bestimmt Sache kaufen
Wenn alle Kinder und Jugendlichen wieder am Treffpunkt angelangt sind und alle Produkte haben, wird das zuvor beschlossene Gericht gekocht und mit einem gemütlichen Ausklang verbunden.
Kochduell
Bietet auf Ferienfreizeiten oder in Gruppenstunden faire Kochduelle an
Verschiedene Gerichte mit ausschließlich fair gehandelten Produkten
Vielleicht mit einem kleinen fair gehandelten Gewinn verbunden
Kaffeepacours
Es gibt verschiedene Stationen, die zeigen, wie viel Spaß fair gehandelter Kaffee machen kann, aber auch, was für eine Arbeit. Hierbei muss natürlich der Hintergrund erklärt werden, warum man fair gehandelten Kaffee kaufen sollte und nicht den normalen, der mit Niedriglöhnen produziert wird.
1. Station: der Kaffeebohnensack muss geschleppt werden
2. Station: Die Bohnen müssen sortiert werden
3. Station: Das Waschen der Kaffeebohnen
4. Station: Das Rösten der Bohnen
5. Station: Dann das Aufbrühen
Eine Stellwand mit einer Gegenüberstellung der einzelnen Kaffeepreise und der Bezahlung der Arbeiter kann noch mal den direkten Vergleich anregen
Cola- Blindverkostung
Es werden unterschiedlichste Cola-Marken ausgeschenkt und blind getrunken.
Welche Cola ist fair gehandelt?
Schmeckt man einen Unterschied?
Welche Firma handelt fair?
Wie kann man diese unterstützen?
Labelkatalog erstellen
Was für Kleidung trägt man?
Wie wird diese produziert?
Was gibt es überhaupt für fair gehandelte Kleidung? Und wo gibt es die?
Diskussion – beispielsweise im Ferienlager
Was für Produkte gibt es im Ausland, die bei uns produziert worden sind?
Wo kommen die her?
Was macht die Produkte aus, dass man sie beispielsweise in Spanien kaufen kann?
Habt ihr noch eigene Praxistipps? Oder sucht noch mehr? Dann stellt sie doch auf die Homepage: www.bdkj.de/kritischerkonsum/
S T A T E M E N T
„Das Wichtigste an dem Ganzen seid ihr. Ihr, die ihr euch bewusst macht, was kritischer Konsum ist und wie ihr darauf aufmerksam machen wollt und könnt. Seid anderen ein Vorbild und achtet auf das, was ihr kauft.“
(Patricia Kesseler, Bezirksleitung der KJG im Hochstift)
(Quelle: DAG EPA des BDKJ-Diözesanverband Paderborn)
Flecken auf dem T-Shirt Ein Bericht über „Saubere Kleidung“ oder Kleidung kritisch konsumieren
Es geht nicht ohne. Seit Adam und Eva ihre Nacktheit entdeckten, trägt die Menschheit Kleidung, um den Körper zu bedecken, sei es nun aus Scham oder als Schutz gegen Sonne und Kälte. Das erste Menschenpaar begnügt sich noch mit einfachen Naturprodukten. Die Bibel berichtet, dass sie sich Feigenblätter anhefteten. Heutzutage gehen wir nicht in den Wald, sammeln ein paar Blätter und basteln daraus unsere Kleidung, sondern wir gehen in große Bekleidungsgeschäfte oder kleine Boutiquen, um uns Kleidung zu kaufen, andere bestellen auch per Katalog oder Online, um sich anzukleiden. Die Stoffe und auch die Kleidung selbst werden schon lange nicht mehr in Westeuropa produziert, sondern allergrößtenteils in Asien. Die wenigsten wissen, welchen Weg ein Kleidungsstück nimmt. So kommt es vor, dass die Baumwolle in Kasachstan geerntet, in der Türkei gesponnen, in Taiwan gewebt, in China gefärbt und das Ganze auf den Philippinen zusammengenäht wird. Von dort kommt es nach Europa. Entlang der gesamten Produktionskette begegnen uns Arbeitsrechtverletzungen, unwürdige Behandlung und Ausbeutung von Frauen und Kindern sowie aus ökologischer Sicht eine Menge CO²-Ausstoß. Die Bekleidungsindustrie gehört zu den am stärksten globalisierten Branchen der Welt und immer wieder entstehen neue Fabriken, die noch billiger produzieren können und dabei ihre meist weiblichen Arbeiter ausbeuten und unter menschenunwürdigen Bedingungen nähen lassen. Aber wen interessiert das schon. Wir fragen uns doch eher, was gerade der neue Sommertrend ist und welche Farbe mein nächstes T-Shirt haben sollte oder welchen neuen Marken-Turnschuh ich mir kaufe. Vielleicht fragt man sich noch, wenn große Discounter T-Shirts für wenige Euros anbieten, wie der Preis dafür zustande kommen kann, aber letztendlich ist man doch froh etwas Schickes und Preiswertes zum Anziehen gefunden zu haben, gerade in Zeiten einer Wirtschaftskrise.
Aber auch beim Auffüllen des Kleiderschrankes kann man nicht nur ökologisch, sondern auch fair einkaufen. Dies ist allerdings noch recht schwierig, denn die großen Labels legen meistens keinen Wert auf eine faire Produktion ihrer Waren. Sie lassen billigst und unter Dumpinglöhnen in Asien produzieren, verkaufen ihre Waren dann aber ziemlich teuer in westlichen Einkaufshäusern. Doch es gibt auch andere Beispiele: Der BDKJ hat schon mehrere große Sozialaktionen (2002 „Fair gewinnt“, 2009 „72-Stunden-Aktion“) durchgeführt und hierzu vielfältige Merchandising-Produkte angeboten. So sind z. B. die T-Shirts zu den Aktionen fair gehandelt gewesen. „LamuLamu“ heißt die Marke. Sie ist ein bisher einzigartiges Konzept ökologisch produzierter und sozial fair gehandelter Kleidung. Unter dem Label „LamuLamu“ vertreibt der Landjugendverlag (Firma des KLJB-Bundesverbandes) seit 1998 Kleidung aus Biobaumwolle, deren gesamte Produktionskette vom Anbau der Biobaumwolle bis zum fertigen Kleidungsstück ökologisch und sozial zertifiziert wird. Auf der Homepage: www.lamulamu.de kann man weitere Informationen finden und auch Kleidungsstücke bestellen bzw. eigene Drucke in Auftrag geben. Ein anderes Beispiel zeigt, dass sich der Gedanke einer fairen Wertschöpfungskette ganz langsam breit macht. Zwei Jungunternehmer aus Köln setzen auf Fairness, Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Sie gründeten vor wenigen Jahren die Firma „armedangels“. Durch die Zusammenarbeit mit Fairtrade stellen sie sicher, dass die Baumwolle nicht mit Pestiziden verseucht ist und dass das Trinkwasser im Anbaugebiet nicht belastet wird. Weiterhin zahlen sie ihren Produzenten in Indien und ihren Nähern in Portugal einen Preis, der deutlich über dem Weltmarktniveau liegt. Damit können die Bauern in Indien ihre Familien ernähren und müssen nicht ihre Kinder aufs Feld schicken. Die T-Shirts sind zwar etwas teurer, aber dafür kann man sie ohne schlechtes Gewissen gut tragen. Ziel der beiden Jungunternehmer ist es, dass immer mehr Menschen Qualität statt Quantität kaufen und dass VerbraucherInnen gezielt konsumieren. Es lohnt sich auch mal im Internet nachzuschauen bei: www.armedangels.de
Daneben gibt es noch weitere Möglichkeiten, fair gehandelte Kleidung zu erwerben: Wer nicht auf so ganz modisch bunt bedrucktes Design steht, aber dennoch fair produzierte Kleidung tragen möchte, sollte auch mal bei El Puente unter www.fairliebt.de im Bereich „Fair fashion“ nachschauen.
Andere Organisationen wie die Kampagne für saubere Kleidung (Clean Clothes Campaign CCC) setzen sich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Zulieferern deutscher Textil-Handelsketten ein. Sie informiert über aktuelle Arbeitsrechtverstöße in den Zulieferbetrieben, die sich meist in Entwicklungsländern befinden. Weitere Informationen findet man auch auf der Homepage: www.saubere-kleidung.de Hier kann man sich auch über die führenden deutschen Unternehmen in der Bekleidungsbranche und über die Kritik an den Unternehmen wie Adidas, Aldi, C&A, KiK und andere informieren. Weiterhin erhält man Aktionsideen und ein reichhaltiges Materialangebot zum Weiterlesen.
A K T I O N S V O R S C H L A G Bestellt für eure nächste Aktion (Großveranstaltung, Ferienfreizeit, Gruppenstunde, Gremien) fair hergestellte T-Shirts und gestaltet sie gemeinsam. Ihr könntet sie wahlweise Batiken oder bemalen – seid einfach kreativ!
S T A T E M E N T „Fair gehandelte Kleidung bedeutet für mich gerechte Bezahlung der Kleidungshersteller und damit die Chance auf ein menschenwürdigeres Leben und auf ein Stück gerechtere Welt. Außerdem wird der billigen Kleidungsproduktion durch Kinderhände vorgebeugt.“
(Barbara Ester, KJGlerin aus Bad Driburg) (Quelle: DAG EPA des BDKJ-Diözesanverband Paderborn)
Kritischer Konsum im Siegeldschungel
Jede(r) hat sich beim Einkaufen sicherlich schon mal die Frage gestellt, was die ganzen Siegel, die auf den Verpackungen abgedruckt sind und uns Auskunft über Herkunft und Produktion geben sollen, eigentlich bedeuten und vor allem, worin eigentlich ihr Unterschied liegt. Das sicherlich am weitesten verbreitete Siegel ist das sechseckige Bio-Siegel nach EG-Ökoverordnung, welches durch ein einheitliches EU-Biosiegel ersetzt werden soll.
Neben dem EU-Biosiegel gibt es noch die Siegel der einzelnen Anbauverbände, die ökologischen Landbau betreiben, wie deme¬ter, Biokreis, Bioland, Biopark, Ecoland, Ecovin, Gäa und Natur¬land. Bei diesen Anbauverbänden gehen die Anforderungen an die Landwirtschaft über die der EG-Ökoverordnung hinaus. Bioland z.B. setzt sich verstärkt für die Regionalität der Produkte ein. Demeter beinhaltet die strengsten Richtlinien: Hier muss alles, was im Betrieb verwendet wird, auch vom eigenen Hof stammen und die Landwirte beziehen sich auf die Lehre von Rudolf Steiner. Die Biosiegel der Discounter entsprechen mindestens den Anfor¬derungen der EG-Ökoverordnung.
Aber auch die konventionelle Landwirtschaft wird gesiegelt - mit dem QS-Zeichen. Dabei wird Wert auf die Transparenz der Produktionsprozesse gelegt. Besondere Anforderungen gibt es hier kaum, darunter fallen aber der Verzicht auf Antibiotika und ein geringerer Einsatz von Dünger. Die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen bei der Lebensmittelproduktion wird verstärkt überprüft.
Neben den Biosiegeln gibt es natürlich auch noch die Transfair-Siegel, allen voran das Fairtrade-Siegel, aber auch die Firmensiegel bzw. Namen BanaFair, GEPA, EL PUENTE und dwp, die zum Teil zusätzlich das Transfair-Siegel tragen.
Siegel werden entweder vom Staat vergeben - wie das sechseckige Biosiegel - oder von Verbänden und Vereinen, aber auch von der Industrie selbst als Deklaration hinzugefügt. Auch der TÜV siegelt Lebensmittel, er achtet darauf dass Hygiene¬maßnahmen eingehalten werden, dass jeder Produktionsschritt nach vollziehbar ist und das eine regelmäßige Kontrolle auf Schadstoffe erfolgt.
Siegel gibt es nicht nur für Lebensmittel, der Bundesverband der Verbraucherinitiative e.V. hat auf www.label-online.de über 300 Siegel und Marken für alle erdenklichen Branchen bewertet. Siegel für die Textilindustrie sind z.B. da europäische Umweltzeichen, dieses Zeichen erhalten Textilien, die von der Herstellung bis zur Entsorgung eine geringe Umweltbelastung aufweisen, z.B. sind schwermetallhaltige Farbstoffe verboten und es wird auf einen wassersparenden Anbau und Produktion geachtet. Ein anderes Siegel ist das Öko-Tex Standard 100 plus. Hier wird neben der Umweltverträglichkeit auch auf die Arbeitsbedingungen geachtet. Der Otto-Versand hat z.B. ein eigenes Siegel entwickelt, welches von unabhängigen Prüforganisationen überwacht wird. PURE WEAR kennzeichnet Textilien die schadstoffgeprüft und umweltfreundlich hergestellt wurden, Arbeitsbedingungen bleiben hier wie bei der EU-Blume unberücksichtigt. Der Otto-Versand und auch andere Firmen, wie Tom Tailor, die GTZ und der NABU beteiligen sich an dem Projekt „Cotton made in Africa“. Hier liegt der Schwerpunkt liegt darin, den Absatz afrikanischer Baumwolle zu fördern und damit Hunderttausenden von Kleinbauern in Benin, Burkina Faso und Sambia bessere Zukunftschancen zu verschaffen.
Es ist nicht leicht, sich im Siegeldschungel zurecht zu finden, zumal man sich oft entscheiden muss, worauf der Schwerpunkt bei der Produktauswahl liegt: Ist die Regionalität wichtiger als der kontrolliert biologische Anbau oder soll das Produkt fair gehandelt sein? Wer mehr wissen möchte und wissen will, welche Konflikte auftreten können, wenn man versucht, kritisch zu konsumieren, dem sei das Buch „Gute Marken, böse Marken: Konsumieren lernen, aber richtig!“ von Stefan Kuzmany empfohlen.
A K T I O N S V O R S C H L A G Wie wäre es mit dem Besuch eines „demeter-Hofes“ in eurer Nähe, zum Beispiel während einer Gruppenstunde oder eines gemeinsamen Wochenendausfluges eurer Jugendgruppe? Für den Kreis Paderborn liegen z.B. Käserei, Hof und Hofladen in Schloss Hamborn, (Borchen) nahe. Dort könnt ihr im „Café Alte Schule“ den Ausflug gemeinsam mit einem fair gehandelten Kakao ausklingen lassen. Oder besucht gemeinsam einen Eine-Welt-Laden in eurer Nähe. Vielleicht könnt ihr dafür vorher mit den Mitarbeiter/innen einen Termin vereinbaren und euch durch den Laden führen und die Produkte, Projekte und Siegel erklären lassen?
S T A T E M E N T „Ich kaufe mein Fleisch nur noch von „demeter-Höfen“ oder vom Schloss-Hamborn-Stand auf dem Wochenmarkt. Da weiß ich wenigstens, wo es her kommt und muss mir keine Sorgen um die Qualität und Auswirkungen von Medikamenten zu machen. Das ist mir das zusätzliche Geld wert.“
(Roswitha Berger, Grundschulpädagogin aus Borchen)
MIKROKREDITE als Beispiel einer ethisch verantwortlichen Geldanlage
Ein Beispiel: O I K O C R E D I T Dass „jeder Euro hilft“, das wussten wir schon vor der überwältigenden Hilfs- und Spendenbereitschaft nach dem Tsunami in Asien. Fast jeder Flyer, jeder Spendenbrief vermittelt heute anschaulich, mit wie wenig Geld man wie viel Gutes in Asien, Afrika oder Lateinamerika tun kann: Was kostet ein Brunnen, was die „Patenschaft“ für ein Kind, was eine Impfung oder eine wöchentliche Überlebensration für eine Familie zum Beispiel? Immer geht es um Beträge, die niemanden abschrecken, der vor der Frage steht, ob er oder sie mit einer Spende helfen möchte. Sinnvoll soll die Spende sein und wenn 30 oder 100 Euro sinnvolle Hilfe ermöglichen, dann trenne ich mich gern von einem solchen Betrag, einmalig oder auch regelmäßig. Viele sagen: Das kann ich mir gerade noch leisten, eine Spende von 50 oder 100 Euro.
Kleine Kredite mit großer Wirkung Aber ein Darlehen von 50 oder 100 Euro? Wozu soll das gut sein? Keine Sparkasse würde für einen so winzigen Kredit anfangen zu rechnen. Und doch: Die Vereinten Nationen haben z.B. das Jahr 2005 zum „Jahr der Mikrokredite“ ernannt. Und beim zweiten Nachdenken erschließt sich die Dimension solcher Finanztransaktionen und ihre entwicklungspolitische Bedeutung:
Mit Hilfe eines Kredits in dieser minimalen Größenordnung können Menschen tatsächlich Wege aus der Armut finden. In Afrika, in Asien und Lateinamerika, aber auch in Osteuropa. Mit einem Mikrokredit können sie ein Gewerbe anfangen oder so weit ausbauen, dass die Familie davon leben kann und der Kredit zumindest zurückgezahlt werden kann. Denn zurückgezahlt werden muss er, es geht nicht um Almosen, auch nicht um verkappte. Dadurch, dass Menschen ein Mikrokredit zugesagt wird, werden sie ernstgenommen als Subjekte, die ihr Leben selbst bestimmen, die etwas schaffen und aufbauen können. Die Abhängigkeit – sei es von milden Gaben oder von Mitteln wohlorganisierter Entwicklungshilfe – muss kein unabänderliches Schicksal bleiben. Das Konzept ist so bestechend, dass man sich wundert, warum die Menschen nicht schon früher darauf gekommen sind. Immerhin: Seit drei Jahrzehnten gibt es diese Form der Verzahnung von Entwicklungshilfe und Finanzdienstleistung doch schon. Seit über dreißig Jahren erleben Menschen, was es heißt, ohne irgendwelche Sicherheiten, die man vorweisen könnte, „kredit-würdig“ zu sein. Man muss das am Beispiel erläutern, bevor man sich in die Feinheiten eindenkt:
„Kredit hat mein Leben verändert.“ Sumanthi hat ihr Leben lang gebettelt. Sie kannte nichts anderes. Sie saß an der Straßenkreuzung in einem kleinen indischen Dorf und bettelte. Irgendwann waren Leute gekommen und hatten ihr vorgeschlagen, sie möge doch mit einem kleinen Darlehen eine selbständige Erwerbsarbeit aufnehmen. Sumanthi konnte sich das nicht vorstellen. Sie konnte ja nichts. Was hatte sie schon gelernt? Wie sollte sie da ihren Lebensunterhalt selbst verdienen und gar noch einen Kredit zurückzahlen? Aber diese Leute blieben mit ihr im Gespräch. Der Gedanke setzte sich bei ihr fest und sie erinnerte sich daran, dass ihr Großvater vor langer Zeit durch die Dörfer gezogen war und Schreibwaren verkauft hatte. Warum sollte sie das nicht auch können? Schreibwaren wurden gebraucht, heute nicht weniger als damals. Sumanthi, die Bettlerin, war schließlich bereit, das erste Darlehen ihres Lebens aufzunehmen. Für einen Mikrokredit von umgerechnet 100 Euro kaufte sie in der Stadt Bleistifte, Kugelschreiber und Schreibhefte und verkaufte sie im Dorf weiter. Zum ersten Mal in ihrem Leben verdiente Sumanthi eigenes Geld und konnte sich Essen kaufen, statt es zu erbetteln. Etwas konnte sie sogar zurücklegen.
Nachdem sie ihr erstes Darlehen zurückgezahlt hatte, nahm sie ein zweites auf. Damit kaufte sie einen kleinen Karren, damit sie mehr Waren transportieren und ein größeres Gebiet abdecken konnte. Die Leute, die ihr den Kredit gaben, die kannten ihre Lebensumstände und die halfen ihr, ihre Begabung für den Kleinhandel zu entdecken und weiter zu entwickeln. Sumanthi hat sich von einer Bettlerin zu einer Frau entwickelt, die mit Stolz und Würde durch ihr Dorf geht. Ein Mikrokredit hat ihr Leben verändert.
Mikrofinanzinstitutionen als Entwicklungshelfer Die Geschichte hat den Vorzug, wahr zu sein. Aber natürlich gibt keine Bank Sumanthi Kredit, auch nicht in Indien. Wer also waren dann die Leute, die sie seinerzeit angesprochen hatten und die ihr das erste und das zweite Darlehen gewährt hatten? Das waren Mitarbeiter von „Share Microfin Ltd“. Und das ist eines von inzwischen zahlreichen regionalen „Mikrofinanzinstituten“, die allenthalben unter der Abkürzung MFI geführt werden. Mikrofinanzinstitute vergeben zu angemessenen Zinsen Mikrokredite an Menschen wie Sumanthi. Weil sie die Menschen in ihrer Nachbarschaft genauso gut kennen wie die lokalen Märkte, Marktnischen und ökonomischen Besonderheiten, gelingt es diesen MFIs in beachtlichem Umfang, Menschen zum Aufbau einer beruflichen Existenz zu verhelfen. Kleingewerbe, Handwerk oder Dienstleistungen werden mit Mikrokrediten gefördert. In Indonesien oder Ghana, in Peru oder in Rumänien sind es oft Darlehensbeträge von weniger als 100 Euro, die den Unterschied ausmachen zwischen hoffnungsloser Armut und einem Leben mit bescheidener, aber selbstbestimmter Perspektive.
Trotzdem – die entscheidende Frage bleibt: Woher kommt das Kapital, das da als Mikrokredit vergeben wird? Keine Geschäftsbank dieser Welt wird sich darauf einlassen, so etwas zu finanzieren. Die Antwort, das Kapital, das da in Indien, Nairobi, Peru oder Indonesien eingesetzt wird, komme – auch – aus Bonn, ist sicher grob vereinfachend. Aber ganz falsch ist sie nicht. Denn in Bonn ist der Sitz des „Westdeutschen Förderkreises“ von „Oikocredit“.
Faire Kredite Mit Hilfe von Geldanlagen hat Oikocredit zurzeit rund 740 Darlehen über insgesamt fast 360 Millionen Euro vergeben, die meisten an Mikrokreditinstitutionen. Dazu gehören Direktkredite für größere Genossenschaften (etwa von Kaffeebauern in Mittelamerika) mit entsprechend großen Darlehensbeträgen. Aber Oikocredit ist eben auch Pionier bei den Mikrokrediten. Und Oikocredit trägt durch eine sorgfältige Begleitung dazu bei, dass die Kreditnehmer/innen gut betreut und beraten werden.
Heute gibt es zahlreiche Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit, die Programme für Kleinkredite aufgelegt haben. Was Oikocredit von diesen unterscheidet, führt endlich wieder nach Bonn zurück. Der „Westdeutsche Förderkreis e. V.“ ist der größte von über 30 solcher Kreise, davon acht in Deutschland. Denn das Kapital von Oikocredit stammt in erster Linie aus Geldanlagen von Einzelpersonen, Gruppen oder Institutionen, nicht aus anonymen Haushaltstiteln, egal ob staatlich oder kirchlich. In Deutschland beteiligen sich zurzeit über 14.000 Einzelpersonen, Kirchen, Pfarrgemeinden und Organisationen an Oikocredit, darunter 12 Bistümer, die Deutsche Bischofskonferenz, Misereor, die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands und der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (auch die Diözesanverbände des BDKJ und DPSG Paderborn). Die Philosophie der Geberseite ist die der Geldanlage, für die man eine gewisse Verzinsung erwarten darf und die man wie die Einlage beim Sparbuch auch kündigen und zurückfordern kann. Sie ist auch ein Instrument der entwicklungspolitischen Bewusstseinsarbeit: Es geht nicht um Almosen, Geben und Nehmen signalisieren in der einen Welt die Verantwortung für einander.
Pionier des ethischen Investments Weil Oikocredit im juristischen Sinne keine Bank ist, kann man dort Geld nur als Mitglied eines Vereins – eben des Förderkreises – anlegen und verwalten lassen. Oikocredit hat sich mit seinen Förderkreisen längst einen ausgezeichneten und durchaus soliden Ruf in Finanzkreisen erworben. Im Bereich „ethische Geldanlage“ (ein Begriff, den es vor 25 Jahren noch nicht gab) steht Oikokredit durchaus in vorderster Front.
Wer Geld bei Oikocredit Geld anlegen möchte, erwirbt Genossenschaftsanteile. Ein Anteil kostet 200 Euro. Rechnen kann man mit einer Verzinsung von 2 Prozent. Die kann zwar niemand garantieren, sie ist aber in beachtlicher Kontinuität erreicht worden. Große Spekulationsgewinne erwartet kein Anleger, aber bisher hat auch niemand den Nominalwert seiner Einlage verloren. Jederzeit können mit vereinbarten Kündigungsfristen die angelegten Gelder wieder abgezogen werden.
(Autor/innen: Manfred Gronwald, Ulrike Chini, Ele Leifeld)