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29.05.2009 00:00 Alter: 1 yrs
Kategorie: Kritischer Konsum Newsletter

Kritischer Konsum Konkret

7. Newsletter online


MIKROKREDITE als Beispiel einer ethisch verantwortlichen Geldanlage

Ein Beispiel:  O I K O C R E D I T  
Dass „jeder Euro hilft“, das wussten wir schon vor der überwältigenden Hilfs- und Spendenbereitschaft nach dem Tsunami in Asien. Fast jeder Flyer, jeder Spendenbrief vermittelt heute anschaulich, mit wie wenig Geld man wie viel Gutes in Asien, Afrika oder Lateinamerika tun kann: Was kostet ein Brunnen, was die „Patenschaft“ für ein Kind, was eine Impfung oder eine wöchentliche Überlebensration für eine Familie zum Beispiel? Immer geht es um Beträge, die niemanden abschrecken, der vor der Frage steht, ob er oder sie mit einer Spende helfen möchte. Sinnvoll soll die Spende sein und wenn 30 oder 100 Euro sinnvolle Hilfe ermöglichen, dann trenne ich mich gern von einem solchen Betrag, einmalig oder auch regelmäßig. Viele sagen: Das kann ich mir gerade noch leisten, eine Spende von 50 oder 100 Euro.

Kleine Kredite mit großer Wirkung
Aber ein Darlehen von 50 oder 100 Euro? Wozu soll das gut sein? Keine Sparkasse würde für einen so winzigen Kredit anfangen zu rechnen. Und doch: Die Vereinten Nationen haben z.B. das Jahr 2005 zum „Jahr der Mikrokredite“ ernannt. Und beim zweiten Nachdenken erschließt sich die Dimension solcher Finanztransaktionen und ihre entwicklungspolitische Bedeutung:

Mit Hilfe eines Kredits in dieser minimalen Größenordnung können Menschen tatsächlich Wege aus der Armut finden. In Afrika, in Asien und Lateinamerika, aber auch in Osteuropa. Mit einem Mikrokredit können sie ein Gewerbe anfangen oder so weit ausbauen, dass die Familie davon leben kann und der Kredit zumindest zurückgezahlt werden kann. Denn zurückgezahlt werden muss er, es geht nicht um Almosen, auch nicht um verkappte. Dadurch, dass Menschen ein Mikrokredit zugesagt wird, werden sie ernstgenommen als Subjekte, die ihr Leben selbst bestimmen, die etwas schaffen und aufbauen können. Die Abhängigkeit – sei es von milden Gaben oder von Mitteln wohlorganisierter Entwicklungshilfe – muss kein unabänderliches Schicksal bleiben. Das Konzept ist so bestechend, dass man sich wundert, warum die Menschen nicht schon früher darauf gekommen sind. Immerhin: Seit drei Jahrzehnten gibt es diese Form der Verzahnung von Entwicklungshilfe und Finanzdienstleistung doch schon. Seit über dreißig Jahren erleben Menschen, was es heißt, ohne irgendwelche Sicherheiten, die man vorweisen könnte, „kredit-würdig“ zu sein. Man muss das am Beispiel erläutern, bevor man sich in die Feinheiten eindenkt:

„Kredit hat mein Leben verändert.“
Sumanthi hat ihr Leben lang gebettelt. Sie kannte nichts anderes. Sie saß an der Straßenkreuzung in einem kleinen indischen Dorf und bettelte. Irgendwann waren Leute gekommen und hatten ihr vorgeschlagen, sie möge doch mit einem kleinen Darlehen eine selbständige Erwerbsarbeit aufnehmen. Sumanthi konnte sich das nicht vorstellen. Sie konnte ja nichts. Was hatte sie schon gelernt? Wie sollte sie da ihren Lebensunterhalt selbst verdienen und gar noch einen Kredit zurückzahlen? Aber diese Leute blieben mit ihr im Gespräch. Der Gedanke setzte sich bei ihr fest und sie erinnerte sich daran, dass ihr Großvater vor langer Zeit durch die Dörfer gezogen war und Schreibwaren verkauft hatte. Warum sollte sie das nicht auch können? Schreibwaren wurden gebraucht, heute nicht weniger als damals. Sumanthi, die Bettlerin, war schließlich bereit, das erste Darlehen ihres Lebens aufzunehmen. Für einen Mikrokredit von umgerechnet 100 Euro kaufte sie in der Stadt Bleistifte, Kugelschreiber und Schreibhefte und verkaufte sie im Dorf weiter. Zum ersten Mal in ihrem Leben verdiente Sumanthi eigenes Geld und konnte sich Essen kaufen, statt es zu erbetteln. Etwas konnte sie sogar zurücklegen.

Nachdem sie ihr erstes Darlehen zurückgezahlt hatte, nahm sie ein zweites auf. Damit kaufte sie einen kleinen Karren, damit sie mehr Waren transportieren und ein größeres Gebiet abdecken konnte. Die Leute, die ihr den Kredit gaben, die kannten ihre Lebensumstände und die halfen ihr, ihre Begabung für den Kleinhandel zu entdecken und weiter zu entwickeln. Sumanthi hat sich von einer Bettlerin zu einer Frau entwickelt, die mit Stolz und Würde durch ihr Dorf geht. Ein Mikrokredit hat ihr Leben verändert.

Mikrofinanzinstitutionen als Entwicklungshelfer
Die Geschichte hat den Vorzug, wahr zu sein. Aber natürlich gibt keine Bank Sumanthi Kredit, auch nicht in Indien. Wer also waren dann die Leute, die sie seinerzeit angesprochen hatten und die ihr das erste und das zweite Darlehen gewährt hatten? Das waren Mitarbeiter von „Share Microfin Ltd“. Und das ist eines von inzwischen zahlreichen regionalen „Mikrofinanzinstituten“, die allenthalben unter der Abkürzung MFI geführt werden. Mikrofinanzinstitute vergeben zu angemessenen Zinsen Mikrokredite an Menschen wie Sumanthi. Weil sie die Menschen in ihrer Nachbarschaft genauso gut kennen wie die lokalen Märkte, Marktnischen und ökonomischen Besonderheiten, gelingt es diesen MFIs in beachtlichem Umfang, Menschen zum Aufbau einer beruflichen Existenz zu verhelfen. Kleingewerbe, Handwerk oder Dienstleistungen werden mit Mikrokrediten gefördert. In Indonesien oder Ghana, in Peru oder in Rumänien sind es oft Darlehensbeträge von weniger als 100 Euro, die den Unterschied ausmachen zwischen hoffnungsloser Armut und einem Leben mit bescheidener, aber selbstbestimmter Perspektive.

Trotzdem – die entscheidende Frage bleibt: Woher kommt das Kapital, das da als Mikrokredit vergeben wird? Keine Geschäftsbank dieser Welt wird sich darauf einlassen, so etwas zu finanzieren. Die Antwort, das Kapital, das da in Indien, Nairobi, Peru oder Indonesien eingesetzt wird, komme – auch – aus Bonn, ist sicher grob vereinfachend. Aber ganz falsch ist sie nicht. Denn in Bonn ist der Sitz des „Westdeutschen Förderkreises“ von „Oikocredit“.

Faire Kredite
Mit Hilfe von Geldanlagen hat Oikocredit zurzeit rund 740 Darlehen über insgesamt fast 360 Millionen Euro vergeben, die meisten an Mikrokreditinstitutionen. Dazu gehören Direktkredite für größere Genossenschaften (etwa von Kaffeebauern in Mittelamerika) mit entsprechend großen Darlehensbeträgen. Aber Oikocredit ist eben auch Pionier bei den Mikrokrediten. Und Oikocredit trägt durch eine sorgfältige Begleitung dazu bei, dass die Kreditnehmer/innen gut betreut und beraten werden.

Heute gibt es zahlreiche Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit, die Programme für Kleinkredite aufgelegt haben. Was Oikocredit von diesen unterscheidet, führt endlich wieder nach Bonn zurück. Der „Westdeutsche Förderkreis e. V.“ ist der größte von über 30 solcher Kreise, davon acht in Deutschland. Denn das Kapital von Oikocredit stammt in erster Linie aus Geldanlagen von Einzelpersonen, Gruppen oder Institutionen, nicht aus anonymen Haushaltstiteln, egal ob staatlich oder kirchlich. In Deutschland beteiligen sich zurzeit über 14.000 Einzelpersonen, Kirchen, Pfarrgemeinden und Organisationen an Oikocredit, darunter 12 Bistümer, die Deutsche Bischofskonferenz, Misereor, die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands und der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (auch die Diözesanverbände des BDKJ und DPSG Paderborn). Die Philosophie der Geberseite ist die der Geldanlage, für die man eine gewisse Verzinsung erwarten darf und die man wie die Einlage beim Sparbuch auch kündigen und zurückfordern kann. Sie ist auch ein Instrument der entwicklungspolitischen Bewusstseinsarbeit: Es geht nicht um Almosen, Geben und Nehmen signalisieren in der einen Welt die Verantwortung für einander.

Pionier des ethischen Investments
Weil Oikocredit im juristischen Sinne keine Bank ist, kann man dort Geld nur als Mitglied eines Vereins – eben des Förderkreises – anlegen und verwalten lassen. Oikocredit hat sich mit seinen Förderkreisen längst einen ausgezeichneten und durchaus soliden Ruf in Finanzkreisen erworben. Im Bereich „ethische Geldanlage“ (ein Begriff, den es vor 25 Jahren noch nicht gab) steht Oikokredit durchaus in vorderster Front.

Wer Geld bei Oikocredit Geld anlegen möchte, erwirbt Genossenschaftsanteile. Ein Anteil kostet 200 Euro. Rechnen kann man mit einer Verzinsung von 2 Prozent. Die kann zwar niemand garantieren, sie ist aber in beachtlicher Kontinuität erreicht worden. Große Spekulationsgewinne erwartet kein Anleger, aber bisher hat auch niemand den Nominalwert seiner Einlage verloren. Jederzeit können mit vereinbarten Kündigungsfristen die angelegten Gelder wieder abgezogen werden.

(Autor/innen: Manfred Gronwald, Ulrike Chini, Ele Leifeld)


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