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Ist der Synodale Weg die letzte Chance für die Kirche?

Über dieses Thema haben Jan Hilkenbach und Msgr. Dr. Michael Bredeck gemeinsam mit der Westfalenpost und Redakteurin Monika Willer gesprochen

Jan Hilkenbach

Msgr. Dr. Michael Bredeck

Interview in der Westfalenpost vom 22. Februar 2020

Interview von Monika Willer

Mit freundlicher Genehmigung

 

Paderborn. Ein Aufreger nach dem anderen erschüttert die Katholiken, das Papstschreiben, der Rückzug von Kardinal Marx von der Spitze der Bischöfe. Da gerät es durchaus aus dem Blickfeld, dass die Bischofskonferenz mit dem Synodalen Weg zu einem Dialogprozess eingeladen hat, der singulär für die katholische Kirche ist. Einer von 16 Delegierten des Erzbistums Paderborn ist Jan Hilkenbach aus Brilon, der mit 29 Jahren zu den jungen Mitgliedern der Synodalversammlung zählt. Monsignore Dr. Michael Bredeck (49) beobachtet den Synodalen Weg und verzahnt ihn mit dem Entwicklungsprozess im Erzbistum Paderborn, den er verantwortet. Die Erfahrungen von Laie und Priester spiegeln die Bandbreite der Erwartungen an den Reformprozess.

Wie beurteilen Sie den Reformdialog?

Michael Bredeck: Aus meiner Sicht ist der Weg notwendig, und deswegen ist er auch sinnvoll. Er ist allerdings sehr fragil, es ist offen, was dabei herauskommt. Wenn der Weg scheitern würde, hätten wir in Deutschland in der Kirche ein großes Problem, vor allem bei vielen Engagierten und Hauptamtlichen. Erzbischof Hans-Josef Becker ist das Anliegen wichtig, dass die Katholiken beieinanderbleiben, auch wenn es erkennbar sehr unterschiedliche Vorstellungen gibt, ob die Kirche überhaupt noch eine Chance hat.

Jan Hilkenbach: Der Ursprung des Ganzen darf nie vergessen werden: Die sexualisierte Gewalt an tausenden Kindern und Jugendlichen in der katholischen Kirche ist der Ausgangspunkt. Der Synodale Weg ist
nicht einfach eine Diskussion, die wir nur mal so führen. Er ist ganz konkret an das Leid von unzähligen Menschen gebunden. Die erste Synodalversammlung in Frankfurt hat mir Mut gemacht für den vor uns liegenden Weg. Es war ein offenes und ehrliches Miteinander, das sich in vielen kleinen Gesten ausgedrückt hat. Die Basis, um die drängenden Fragen gemeinsam zu beantworten, wurde gelegt – nicht mehr, aber
auch nicht weniger.

Viele Christen sehen im Synodalen Weg die letzte Chance der katholischen Kirche in Deutschland.

Jan Hilkenbach: Wir stehen an einem Punkt, wo wir konkrete Schritte brauchen und konkrete Entscheidungen, die erfahrbar werden. Dies gilt zum Beispiel mit Blick auf die Frauen in der Kirche, auf die Fragen
nach Macht und Gewaltenteilung und mit Blick auf die Sexualmoral beispielsweise bei gleichgeschlechtlichen Partnerschaften.

Können Sie das hören, Monsignore Bredeck?

Michael Bredeck: Ich kann das gut hören, und ich unterstütze das auch. Gesellschaftlich haben wir die Diskriminierung von Schwulen und Lesben überwunden, fördern Geschlechtergerechtigkeit und sind
sensibel für Machtmissbrauch. Insofern wünsche ich mir, dass der synodale Weg hilft, die Inkulturation des Christentums in unsere heutige Gesellschaft zu fördern. Aber ich sehe eine noch tiefere Krise, die die
Kirche prägt.

Welche tiefere Krise?

Michael Bredeck: Die Frage ist doch: Wie viele Menschen interessieren die Diskussionen des Synodalen Weges wirklich? Wir haben seit 1990 Millionen von Katholiken verloren. Ich glaube nicht, dass das nur
an den Themen liegt, die jetzt im Synodalen Weg bearbeitet werden. Meines Erachtens ist es noch viel zu wenig gelungen, die christliche Botschaft für die heutige, plurale, säkular geprägte Zeit zu übersetzen. Ich
bin seit 25 Jahren Priester und stelle mir die Frage: Wo ist die Glaubensfreude jenseits der Kirchenprobleme geblieben?

Es gibt heftige Kritik am Synodalen Weg. Wie gehen Sie damit um?

Jan Hilkenbach: Die große Polarisierung der Gesellschaft erleben wir leider auch in der Kirche. Kirche muss verschiedene Glaubenszugänge ermöglichen und Vielfalt leben. Wir stehen aber als katholische Kirche
in Deutschland mit dem Rücken zur Wand. Wir müssen uns entscheiden, ob wir der Veränderung eine Chance geben oder ob wir im Ist-Zustand verharren. Ich finde es in diesem Zusammenhang problematisch,
dass kleine erzkonservative Kreise dem Dialog aus dem Weg gehen und trotzdem immer noch ein großes Maß an Beachtung finden. Wir erleben, dass viele Menschen, die sich engagieren, gekränkt und verletzt sind von dieser ihrer Kirche. Wir verlieren so viele engagierte Gläubige. Menschen, die ihren Glauben in ihrem Tun gelebt und in die Gemeinden getragen haben, verlieren wir gerade reihenweise. Die Menschen stimmen mit den Füßen ab. Deswegen müssen wir jetzt deutliche Zeichen setzen.

Michael Bredeck: Mich interessiert aber auch, warum ein Kardinal Müller in seiner Wirkungsmacht, enttäuschte Katholiken weiter zu frustrieren größer ist als etwa Kardinal Marx oder Bischof Bode. Dass viele Leute die Kirche als Institution anzweifeln, ist mir klar. Aber, dass eine solche Emigration stattgefunden hat, möchte ich noch tiefer verstehen. Liegt es vielleicht doch auch am Evangelium? Ist das Evangelium nicht mehr anschlussfähig an die Gesellschaft? Was den Synodalen Weg angeht: Da geht es um die theologisch interessante Frage: Was wird veränderbar sein in der Kirche und was nicht, weil es von Gott gewollt ist? Dazu gibt es sehr unterschiedliche Meinungen. Die Bischöfe haben das Lehramt inne, und wenn sie nun bereit sind, daran Laien teilhaben zu lassen, dann wäre das schon was Revolutionäres.

Jan Hilkenbach: Die vier Themenfelder des Synodalen Weges stehen für den Reformstau in der Kirche. Das ist nichts, was einen abstrakt betrifft. Dieser Reformstau beeinträchtigt auch das System Kirche. Ich denke, dass der Glaube so unter diesen Themen vergraben ist, dass er häufig keine Chance mehr hat, durchzudringen. Ich glaube weiter an eine Kirche, die ihren Platz im Hier und Jetzt hat, die offen und authentisch auf Menschen zugeht und Stellung zu den Themen ihrer Zeit bezieht.

Hier geht's zum Beitrag in der Westfalenpost.